- Sabine Nuss
Der Aufstieg der AfD im Alltag des Kapitalismus
„Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ im Widerspruch zwischen Klasse und Nation
Als Donald Trump am 5. November 2024 die Wahl zum Präsidenten gewann, reagierte die deutsche Ökonomin Isabella Weber mit einem aufrüttelnden Post auf X und löste damit eine Diskussion aus. Sie fragte: „Können wir jetzt endlich ernsthaft über antifaschistische Wirtschaftspolitik sprechen?“[1] Der Post ging in kürzester Zeit viral. Etliche Medien stürzten sich auf die Ökonomin. Sie wollten wissen, was eine »antifaschistische Wirtschaftspolitik« genau sein solle und welche Ziele damit verfolgt werden.
Weber hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. Wir erleben derzeit die „machtvollste Welle rechter Politik nach dem Zweiten Weltkrieg“, so der Rechtsextremismusforscher Cas Mudde[2]. Rechtsradikale Parteien werden „zunehmend zur Normalität“.[3] Über die Gründe dieses Phänomens wird viel diskutiert und geforscht. Meist steht das Thema Migration im Fokus. Dabei spielt auch die individuelle wirtschaftliche und finanzielle Lage eine nicht zu unterschätzende Rolle, worauf ich mich im Folgenden konzentrieren werde. Wenn ökonomische Krisen oder staatliche Sparpolitik die soziale Sicherheit des Einzelnen beeinträchtigen und zu Abstiegsängsten oder existenzieller Verunsicherung führen, ist das auch ein Grund, warum die Menschen rechte Parteien wählen. Zu diesem Ergebnis kommen wenigstens eine ganz Reihe von unterschiedlichen Studien.
Lässt man sozioökonomische Gründe als eine wichtige Ursache für das Erstarken der Rechten gelten, stößt man unweigerlich auf ein Paradox: Die AfD ist gegen eine Vermögenssteuer, gegen die Lockerung der Schuldenbremse, sie will Sozialausgaben kürzen, steht für freien Wettbewerb und eine niedrige Staatsquote. Sie begünstigt die Besserverdienenden und steht für alles, nur nicht für eine Umverteilung von oben nach unten. Auch was die Mieten angeht, ist die AfD keineswegs für eine soziale Wohnungspolitik bekannt. Dennoch wird sie von Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Arbeitslosen gewählt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wieso wählen Menschen gegen ihre eigenen Interessen? Aus Unwissenheit? Mag sein – bekanntermaßen lesen die wenigsten Menschen das Wahlprogramm der Parteien, bevor sie wählen –, aber häufig spielt das, wofür Parteien symbolisch stehen, eine wichtigere Rolle als das, was sie schriftlich niedergelegt haben. Auch die Art und Weise, wie Wut, Hoffnung, Unsicherheit und Ängste adressiert werden, fällt ins Gewicht. Ob Politikerinnen und Politiker sympathisch oder vertrauenserweckend sind oder ob man sich mit ihnen und dem Milieu, dem sie entstammen, identifiziert, ist wichtig. Wahlentscheidungen werden häufig eher affektiv als rational getroffen.
Der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer erklärt den Umstand, dass diejenigen, die mit der AfD „völlig inkonsistent gegen die eigenen Interessen“ votieren, mit einer „populistischen Fassade und geschicktem Medien- und Kommunikationsmanagement“ der AfD. Es sei die ausgrenzende Identitätspolitik, „als Kern eines Kulturkampfes“, die für Wählerinnen und Wähler der AfD so attraktiv sei.[4] Tatsächlich dominiert nicht Sozialpolitik zugunsten der Ärmeren in den Reden und Pamphleten der AfD, sondern Migration und Nationalismus. Gleichwohl bleibt zu fragen, woher die „ausgrenzende Identitätspolitik“ ihre Anziehungskraft bezieht und warum Themen des sozialen Ausgleichs bei der Wahlentscheidung hintanstehen.
Vom Kontrollverlust zum Feindbild
Die Praxis der Privatproduktion erzeugt Anschauungen, die Marx als „Fetischcharakter der Ware“ bezeichnet hat: Damit ist der Umstand gemeint, dass unter den Bedingungen der Warenproduktion gesellschaftliche Verhältnisse der Personen sich als Verhältnis von Dingen darstellen, wodurch diese Dinge ein Eigenleben erhalten. Marx vergleicht das mit der „Nebelregion“ der religiösen Welt: „Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Das nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“[5] Wie Menschen sich in Produktion und Verteilung als Tauschende aufeinander beziehen, nimmt im Kapitalismus die Form einer Bewegung von Sachen an, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.
Mit anderen Worten: Menschen erzeugen durch ihre Beziehungen Verhältnisse, die ihnen als selbstständige, eigengesetzliche und daher unkontrollierbare entgegentreten, ohne dass ihnen bewusst ist, dass sie selbst es sind, die diesen Kontrollverlust verursachen. Kontrollverlust ist daher kein Kennzeichen des Neoliberalismus, sondern Bestandteil kapitalistischer Produktionsweise.
Zur Verfestigung solcher Anschauungen tragen mediale Darbietungen wie die Sendung „Wirtschaft vor acht“ bei, die vor der „Tagesschau“ ausgestrahlt wird. Wir starren gebannt auf das Auf und Ab der Aktienkurse oder das Steigen und Fallen von Preisen, erfahren von Krisen und kalkulieren die potenziellen Auswirkungen auf unser konkretes Alltagsleben. Am Ende der »Tagesschau« kommt dann mit einem ganz ähnlichen Duktus der Wetterbericht: Wir bekommen Informationen über das Steigen und Fallen der Temperaturen und richten unsere Alltagspläne entsprechend darauf aus. Beide Formate haben gemeinsam, dass über Veränderungen berichtet wird, auf die wir keinen Einfluss haben (oder zu haben scheinen), die über uns kommen wie eine außer uns stehende Macht und die unseren Alltag massiv beeinträchtigen können. Sprechweisen wie „die Preise steigen“ (statt „die Preise werden – von Menschen – erhöht“) tragen zu dieser Wahrnehmung bei.
Die mystifizierte Wahrnehmung von einer „Wirtschaft“, die mit einem schwer durchschaubaren, kaum kontrollierbaren Eigenleben begabt zu sein scheint, eignet sich als Projektionsfläche, um „fremde“ Mächte hinter diesen Bewegungen zu vermuten, zumal in Krisenzeiten. Die Suche nach Schuldigen ist dann naheliegend. Etliche menschenfeindliche Ideologien können hier andocken.
Die faktische Verschleierung der Ausbeutungs- und Eigentumsverhältnisse durch die alltägliche Praxis im Kapitalismus kulminiert in dem, was Marx die „trinitarische Formel“ genannt hat. Die Annahme, Arbeit sei die Quelle von Lohn, Grundbesitz die Quelle von Grundrente, Kapital die Quelle von Profit, verdeckt, dass sowohl Profit als auch Grundrente Teil der Mehrarbeit oder des Mehrwerts sind, den die eigentumslosen Lohnabhängigen[6] erarbeitet haben. In dieser mystifizierten Wahrnehmung tragen alle gleichermaßen zum Wachstum „unserer Wirtschaft“ bei bzw. müssen es tun. Damit sind Klassenantagonismen verschleiert. So erscheint es plausibel, dass in schlechten Zeiten alle „mit anpacken müssen“, das heißt für „unsere Wirtschaft“ mehr, länger oder für weniger Geld arbeiten sollen.
Zum Ausdruck kommt das etwa in der Rede von der „internationalen Wettbewerbsfähigkeit“, die als unhintergehbare Bedingung gilt und für deren Erreichen wir alle Opfer bringen müssen. Oder in den Worten Stephan Kaufmanns: Die „Einstellung und das Wahlverhalten“ ergeben „sich nicht allein aus privaten wirtschaftlichen Sorgen der Menschen, sondern daraus, dass sie der Lagebestimmung der Regierenden folgen. Sie identifizieren ihre eigenen Nöte mit denen des Standortes, für sie haben ihre hohen Heizkosten und die Kostennachteile der heimischen Industrie die gleiche Quelle. Basis dieser Identifikation ist das – vertraute – Bild einer ,Volkswirtschaft‘ als Gemeinschaftsaufgabe, in der nicht die Eigentumslosen den Reichtum der Eigentümer verwerten, dafür einen Lohn erhalten und gegebenenfalls entlassen werden, sondern in der jeder seinen Dienst leisten muss – und von deren Erfolg alle tatsächlich abhängig sind. Diese Abhängigkeit vom Bruttoinlandsprodukt und seinem Wachstum ist die materielle Grundlage dafür, dass die Klassengesellschaft als Produktionsgemeinschaft umgedeutet wird, um deren Wettbewerbsfähigkeit sich alle sorgen sollen und die durch Umverteilung von oben nach unten nur gefährdet würde.“[7]
Die imaginierte Gemeinschaft der Nation
Die vermeintliche Interessengemeinschaft wird mittels der Kategorie Nation zusammengeschweißt. Standort-Nationalismus hat insofern auch den Effekt von Herrschafts-sicherung. Er übertüncht mit dem nationalen „Wir“ die Klassengegensätze. Das ist die Basis, auf der die Lohnabhängigen über Grenzen hinweg gegeneinander ausgespielt werden können. Die Drohung lautet: Wenn ihr es nicht billiger macht, gehen wir ins Ausland.
Menschen, die „uns“ in solchen Zeiten „auf der Tasche liegen“, sollen dann entweder staatliche Leistungen gekürzt oder gar gestrichen bekommen oder gleich – wenn sie keine Deutschen sind – aus dem Land geworfen werden. Die „imaginierte Gemeinschaft“ der Nation konstruiert mit dem „Wir“ automatisch „die Anderen“: die, die nicht dazugehören.
Es ist wenig überraschend, dass Nationalismus die Abwertung von Minderheiten begünstigt und Nationalstolz positiv mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit korreliert.[8] Der Mangel an Solidarität, der in neoliberalen Zeiten oft beklagt wird, rührt nicht nur aus einer verschärften Wettbewerbslogik, sondern auch aus dem Glauben an das ideologische Konstrukt „unsere Wirtschaft“. Wer ihrem Wohl im Wege steht bzw. nicht mit Fleiß und unter Aufbringung von Opfern dazu beiträgt, soll weg. Nationalismus ist dabei kein Alleinstellungsmerkmal rechter Weltanschauung. So kommt beispielsweise die ständige Beschwörung von Deutschlands Abstieg im internationalen Ranking direkt aus der demokratischen Mitte. Die Rechten müssen die Maßstäbe, die die gemäßigten Parteien anlegen, nicht erfinden, „sie liegen bereits vor und werden nur noch radikaler angewandt“.[9]
Mitunter wird unterstellt, dass Rechtsextremismus und autoritäre Einstellungsmuster direkt aus der kapitalistischen Ordnung entstünden.[10] Das lässt sich allerdings nicht als Zwangsläufigkeit begreifen. Ausbeutung ist zwar ein Verhältnis sozialer Abhängigkeit und die Existenz von Klassen mit unterschiedlicher Macht, die sie auch ausüben, ist per se ein autoritäres, repressives Verhältnis.[11] Auch Konkurrenz als eine den Kapitalismus prägende Handlungsstruktur ist kein besonders solidarisches oder menschenfreundliches Verhältnis zwischen den Menschen. In ihr treten sich die Menschen im Wissen gegenüber, dass entweder sie oder der andere verlieren wird. Allgemein treffen in Marktbeziehungen gegensätzliche Interessen aufeinander. Diese Gegensätze durchziehen die Gesellschaften wie ein feines Netz, was Bündnisse und Organisierung nicht nur erschwert; es begünstigt auch die klassische Herrschaftsstrategie des „Teile und Herrsche“ und „vertuscht“ das Verbindende der unteren Klasse: ihre Lohnabhängigkeit.
Obgleich diese Strukturen für sich genommen bereits potenziell trennenden Charakter besitzen, bleibt prinzipiell offen, wie man sich in ihnen individuell verhält. Ob man darin nur den eigenen Gewinn sucht und den anderen achselzuckend, gleichgültig begegnet, gar die anderen abwertet, oder ob man der allgegenwärtigen Konkurrenz und der Abwertung anderer ablehnend gegenübersteht, das hängt letztlich von vielen Variablen ab.
Die kapitalistischen Strukturen von Konkurrenz, Ausbeutung und systemischer Ungleichheit gehen mit anderen Herrschaftsformen, die erst einmal unabhängig sind vom Kapitalismus, eine Wechselwirkung ein. Patriarchale Unterdrückung oder Rassismus nehmen eine spezifische Form an, sie zeigen sich in historisch zurückliegenden Klassengesellschaften anders als in kapitalistischen. Konkurrenz verläuft im Kapitalismus beispielsweise tendenziell entlang der Merkmale Herkunft oder Geschlecht (oder beides zugleich). Diese verschiedenen miteinander verstrickten Herrschaftsformen finden in der Mystifizierung der kapitalistischen Strukturen einen perfekten Resonanzboden für autoritäre Einstellungen und menschenfeindliche Ideologien. Die Naturalisierung der herrschenden Verhältnisse, ihre scheinbare Naturgesetzlichkeit, verstärkt schließlich diese Einstellungen.
*Sabine Nuss ist Politologin, Publizistin und ausgebildete Redakteurin. Sie ist Herausgeberin und Autorin verschiedener Bücher zu den Themen Ideologie, Genese und Praxis des Privateigentums, Naturverhältnisse sowie Digitalisierung im Kapitalismus. Sie war Leiterin der Politischen Kommunikation bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und bis April 2023 Geschäftsführerin des Karl Dietz Verlags.
Dieser Text ist ein Auszug aus dem von Sabine Nuss herausgegebenen Buch „Der verdrängte Kapitalismus. Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Wirtschaftspolitik“. Es ist Ende 2025 im Karl Dietz Verlag erschienen, dem wir herzlich für die Genehmigung zur Übernahme dieser Passagen danken.
[1] Isabella Weber: „Can we now finally have a serious conversation about an antifascist
economics?“, Tweet vom 6.11.2024, https://x.com/IsabellaMWeber/status/1854028015430185234
[2] Cas Mudde: Rechtsaußen. Extreme und radikale Rechte in der heutigen Politik
weltweit, Bonn 2020, S. 15.
[3] Ebd.
[4] Wilhelm Heitmeyer: „Die AfD emotionalisiert Probleme«, Interview, in: die tageszeitung, 4.10.2024, https://taz.de/Soziologe-Heitmeyer-ueber-Autoritarismus/!6039342/
[5] Karl Marx: Das Kapital. Erster Band, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke [MEW], Berlin 1956ff, Bd. 23, S. 86.
[6] „Eigentumslos“ meint, dass die Lohnabhängigen keine Verfügungsgewalt über Produktionsmittel haben, also kein produktives Eigentum.
[7] Stephan Kaufmann: Aufstieg der Rechten: Fragmentierung statt Globalisierung, in: nd aktuell, 15.11.2024, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186795.das-beste-aus-dem-nd-aufstieg-der-rechten-fragmentierung-statt-globalisierung.html
[8] Julia Becker/Oliver Christ/Ulrich Wagner/Peter Schmidt: Deutschland einig Vaterland? Riskante regionale und nationale Identifikationen in Ost- und Westdeutschland, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 7, Frankfurt a.M. 2009, S. 113-130, S. 127.
[9] Stephan Kaufmann: Macht Sparen rechts? Und warum?, in: Blog Politik & Ökonomie, 10.2.2024, https://politischeoekonomie.com/macht-sparen-rechts-und-warum
[10] Thorsten Mense/Judith Goetz (Hrsg.): Rechts, wo die Mitte ist. Die AfD und die Modernisierung des Rechtsextremismus, München 2018, S. 10.
[11] Was nicht bedeutet, dass sich dieses Verhältnis auch immer autoritär zeigen muss. Es hängt zum Beispiel ab von Unternehmenskulturen, wie Ausbeutung organisiert wird. Überstunden, kürzere Pausen oder schnelleres Arbeiten können von einem despotischen Management angewiesen werden, von einem freundlichen kollegialen Chef als Bitte vorgetragen (die abzuweisen aber eher nicht vorgesehen ist) oder bei flachen Hierarchien gemeinsam im Team beschlossen werden.

