Trust the Process!

Erfahrungsbericht eines Workshopmoderators

Thore Prien

Dr. Thore Prien moderierte einen Workshop auf der Summer Factory. Er erzählt von seiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem methodischen Ansatz und seiner anschließenden Begeisterung über die Ergebnisse aus den Workshops.

 

Freiheit oder Zwang?

„Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“, fragte Immanuel Kant. Was den berühmten Kant umtrieb, war das Paradox, nach dem Erziehung immer auf Zöglinge einwirkt (Zwang), um derart Selbstbestimmung (Freiheit) zu bewirken. Geht eigentlich nicht.

Steht nicht auch ein Workshop vor einem ganz ähnlichen Paradox? Er muss irgendwie kultiviert werden durch den Zwang von Regeln und doch braucht es Freiheit, um frei flottierende Gedanken und Argumente zu Wort kommen zu lassen.

 

Paradigma I: Anarchie des Arguments

Nehmen wir also eine Diskussion, einen Workshop, ein Plenum als zu erziehendes, zu kultivierendes, dann wäre jedenfalls meine Antwort auf Kants oben gestellte Frage vor der Summer Factory 2012 immer gewesen: „Gar nicht, lieber Immanuel!“ Für mich waren alle Zusammenkünfte, in denen irgendwie diskutiert werden sollte, erfüllt von der Hoffnung, dass am Ende des Tages die Kraft des besseren Arguments sich in der Anarchie des Diskurses durchsetze. In alle Seminare und Workshops ging ich daher bisher mit dem Vorsatz: Es werden schon alle irgendeinen Text gelesen haben, dann wird diskutiert, es gibt Erkenntnisgewinn (oder auch nicht) und die letzte macht das Licht aus.

 

Paradigma II: „Trust the Process!“

Noch diesem Paradigma des anarchischen Diskurses verhaftet, weckte also die freundliche  Nachfrage des ISM, ob ich nicht zum Moderator umschulen wollte, bei mir mixed emotions. Schön, mal gefragt zu werden – aber wollte ich wirklich Teil des kultivierenden Zwanges werden?

Zwei Treffen mit Jascha Rohr, dem Chef des Instituts für Partzipatives Gestalten,  widmete sich dem Erlernen von Regeln und Methoden, mit denen die Workshops auf der Summer Factory 2012 bestritten werden sollten. Ich war bereit, mir das Ganze anzuschauen (was übrigens nicht schwer fiel, denn die Stimmung auf den Moderatorentrainings war blendend).

„Trust the Process!,“ rief Jascha uns zu – und der Prozess, den er mit uns zusammen entwickeln wollte, bestand aus bis ins zehnminütige getaktete Planung des Workshops, eines Drei-Phasen-Modells und schließlich einer Reihe von Methoden, die es erlaubten, Argumente zur Geltung kommen zu lassen, Thesen in der Gruppe zu entwickeln und diese gemeinsam zu gliedern. So etwa dies: Autor_innenworkshops mit der Pointe, dass die Autorin sich während der Diskussion über ihren Text zurückzieht. Undenkbar, aus dem Paradigma dem ich anhing (s.o.!). Und dann noch die Rollenverteilung: Moderator_in, Organisator_in, Autor_in, Teilnehmer_in. Muss denn das sein?

 

In der Praxis…

Um die Pointe vorweg zu nehmen: Die gelungene Erfahrung des Workshops hat alle meine Zweifel besiegt und das Motto „Trust the Process!“ einen Platz in meinem Herzen erobert. Wie das?

Ich durfte auf der Summer Factory 2012 den Workshop Nr.3 zum Europäischen Grenzregime moderieren. Dieser Workshop hatte das Glück, mit den vorbereiteten Papieren drei engagierte Positionen live vor Augen zu haben. Und: Jede_r, Autoren, Organisatorin wie auch Teilnehmer_innen  waren mit einer eigenen Position angereist, bestachen durch entwickelte eigene Praxis und Theorie zum Thema. (Und dies durchgängig angenehm unprätentiös!)

(Nebenbemerkung: Zwischendurch ging mir auf, dass diese unglaubliche Mischung aus geballter theoretischer Kompetenz und politischer Erfahrung wohl selten in einem Raum anzutreffen sein dürfte. Das ISM könnte sich da ruhig mal selbst auf die Schulter klopfen…)

Aber ohne die zuvor entwickelte Methode wäre es gar nicht dazu gekommen, diesen Umstand auch fruchtbar zu machen. Es zeigte sich nämlich, dass das Kultivieren durch die Methode es überhaupt erst möglich machte, den verschiedenen Positionen Raum zu geben, die Widersprüche innerhalb der Mosaiklinken auszumachen und dann produktiv zu sortieren. Schritt für Schritt. Die Rollenverteilung Organisatorin/ Moderator erlaubte es Organisatorin, das Heft an den inhaltlich wesentlichen Stellen in die Hand zu nehmen und mit uns die Argumente zu sortieren. Schließlich wusste die Gruppe des Workshop 3 die offensichtlichen Mängel ihres Moderators gekonnt in eigene Gestaltungsspielräume umzuwandeln, und so noch einmal Freiheit und Form der Methode zu versöhnen.

Denn das „Trust the Process!“  klappt am besten mit einem zwanglosen Umgang mit dem Kultivieren der Freiheit. Daumen hoch – geht also doch. Ich freue mich auf die nächsten Workshops!

 

Dr. Thore Prien ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover.

 

Schlagworte: Crossover , Methodik , Summer Factory