Nachruf von Marco Bülow

Nerviger Scheer, lieber Hermann,

18.10.2010
Marco Bülow
vielleicht weil ich mich noch nicht damit abfinden will, dass du nicht mehr bei uns sein wirst, schreibe ich meine Gedanken direkt an dich.

Als ich die Nachricht von deinem Tod früh morgens nüchtern serviert bekam, hat es mich zunächst geschockt und dann war ich furchtbar wütend auf dich. Wie kannst du deine Familie, deine politischen Mitstreiter, die Welt so früh sich selbst überlassen? Mir stieß zudem säuerlich auf, dass ich förmlich neben den Trauernden Gesichter vor mir sah, die erleichtert aufatmen. Besser wird es nicht durch die kalten Profis, die jetzt große Trauerreden halten, dich in erster Linie aber als Stachel im Fleisch oder sogar als Nestbeschmutzer empfanden.

Nerviger Scheer,

zwölf Stunden habe ich gebraucht, um mir meine Traurigkeit einzugestehen, 24 Stunden, um den Brief an dich zu beginnen. Ich weiß, du mochtest meine Offenheit und meine direkte Ruhrgebietssprache. Deshalb werde ich sie auch jetzt nicht ablegen. Ja Scheer, du warst sehr nervig, es war stressig mit dir Termine zu machen, du konntest vielen Menschen das Leben erschweren. Wenn sich aber einer etwas auf seine Leistungen, sein Engagement einbilden kann, dann warst du es, lieber Hermann. Du warst aber auch der Fels, der unerschütterlich nicht nur zu seinen Idealen, sondern auch zu den Menschen gestanden hat, die wichtig für dich waren, egal welche Nachteile du dadurch in Kauf nehmen musstest. Du hast zu Recht genervt, zu Recht diejenigen zur Weißglut getrieben, die ohne Widerstand rücksichtslos ihre häufig rein ökonomischen Interessen durchsetzen wollten. Auch deine Getreuen hast du nicht geschont, aber wir konnten es ertragen, weil wir wussten, wofür es gut war.

In den unzähligen Nachrufen könntest du lesen, welche Preise, Anerkennungen und Positionen du bekleidet hast. Sie würden dich aber sonst meist eher langweilen. Ausnahmen stammen aus der Feder von Peter Unfried und Tom Strohschneider. Vor allem Unfried hätte dir gefallen, der uns vor Augen führt, dass dein Vermächtnis größer ist als das der Beatles. Dies werden wohl viele in diesem Lande erst später, hoffentlich nicht zu spät erkennen. Denn trotz deiner zahlreichen hiesigen Ehrungen ist dein internationales Ansehen größer als bei uns. Von wem in der ganzen Welt wurdest du nicht alles angehört, ernstgenommen und um Rat gefragt. Stetig warst du auf Achse, dich und deine Familie nicht schonend, aber immer mit deiner Mission im Gepäck.

Hierzulande hast du ebenfalls viele Anhänger und noch mehr bewirkt, aber viele haben aus Angst vor deinen Visionen auch versucht, dich zu ignorieren oder auszubremsen. Vor allem der lobbyorientierte Teil der Medien und der Politik hat versucht, dich als Querulanten und als abgehobenen Spinner zu brandmarken. Ich erinnere mich an die Energiedebatte Anfang Oktober im Bundestag, als einige ekelige Zwischenrufe von der Unionsbank deine Kurzintervention stören sollte. Wie so häufig wurden deine Argumente nicht mit sachlichen Gegenargumenten, sondern mit persönlichen Diffamierungen gekontert. Auch aus den eigenen Reihen kennst du die feigen Angriffe, die du schon deshalb kontertest, weil du geschliffene Karrieristen, die dir nicht offen ihre Kritik ins Gesicht sagten, absolut nicht respektiert hast.

Mit denen aber, die nicht von einer Lobby für ihre Meinungsbekundungen bezahlt wurden, konntest du dich leidenschaftlich streiten und danach doch mit vollem Herzen lachen und ihnen freundschaftlich verbunden bleiben, auch wenn sie nicht deiner Meinung waren. Auch dafür habe ich dich bewundert. Mehr noch aber für dein unermüdliches Engagement, deine immer wieder neue Motivation und natürlich für deine Ideale. Als junger Mann habe ich dein Standardwerk die „Solare Weltwirtschaft" gelesen und mich für deine Vision von der Energiewende begeistert. Erinnerst du dich, als ich dich als Juso damals in die ehemalige Kohlehochburg Dortmund geholt hatte? Dort bin ich dir das erste Mal begegnet. Wir haben einen Antrag gestellt, dass alle Dortmunder, die Erneuerbare Energien einsetzen wollten, eine Zeit lang einen vertraglich zugesicherten Abnahmepreis dafür erhalten würden: Die kostendeckende Einspeisevergütung. Damals eine Vision, heute als weiterentwickeltes Erneuerbares Energien Gesetz nicht nur in Deutschland, sondern in mehr als 45 Länder gängige Praxis. Mit deiner fulminanten Rede gelang uns das Unmögliche – wir gewannen auf dem Parteitag eine Mehrheit für unseren Antrag. Aber wie das manchmal so ist in unserer Sozialdemokratie, nach der Euphorie wurde nach und nach unser Antrag zurechtgerückt, „realitätstauglich" gemacht. Heute ärgern sich nicht nur in meiner Heimat viele, dass sie nicht so mutig waren, deinen Ideen früher zu folgen. Nach und nach hast du sogar viele unabhängige Konservative und Liberale überzeugt.

Bei allem Idealismus, all deinen Träumen, ein Utopist warst du nicht. Vor etwa einem Jahr wurde in einem ZEIT-Artikel eine interessante Frage aufgeworfen: Ob nicht diejenigen, die seit vielen Jahren ein Umdenken im menschlichen Verhalten gegenüber der Plünderung der Natur, der Verpestung der Umwelt und der Ausbeutung der endlichen Ressourcen fordern und die wir meist als Utopisten abqualifizieren, am Ende nicht die wahren Realisten sind. Du hättest diese Frage natürlich mit einem klaren Ja beantwortet. In einem Interview sagtest du: „Utopisch ist nicht die schnelle Einführung der Erneuerbaren Energien, es ist eine negative Utopie, dies aufzuschieben zu müssen oder zu können." (Das ganze Interview über die realistische Möglichkeit, die Energiewende umzusetzen:http://www.youtube.com/watch?v=e1cwTBfajmc )

Lieber Hermann,

du warst der Motor, der Pionier, der weltweit die Wende zum Erneuerbaren Energiezeitalter eingeleitet hat. Damit hast du dich verewigt, dennoch war es kein Grund, so früh zu gehen. So vieles gibt es noch zu tun, so viele sind noch da, die mit Macht den Wechsel bekämpfen, die mit der alten überkommenen Energiewirtschaft viel Geld verdienen und mit dem Geld viele Medienmogule und Politiker erfolgreich lobbyieren. Du hast doch mitbekommen, wie die neue Bundesregierung die alte Energiewirtschaft hofiert und den Gegenangriff auf die Erneuerbaren Energien gestartet hat.
Doch ich will dich nicht auf ein Thema – so wichtig es auch ist – reduzieren. Mir hat einmal Erhard Eppler erzählt, dass du dich als junger Mann vor allem mit der Friedens- und Außenpolitik beschäftigt hast und er mitgeholfen hat, dich auch an die globale Umweltpolitik heranzuführen. Du hast dich in viele andere Themen eingemischt, weil du erkannt hast, dass alles in einem großen Zusammenhang steht. Du gingst gegen die Ökonomisierung der Politik an, die Abgeordnete zu Verbündete von mächtigen Konzernen macht. Dir ging es um eine lebendige Demokratie, mit streitbaren aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern, die nicht das Feld alleine uns Politikern überlassen. Auch deshalb bist du bei vielen angeeckt, weil von links bis rechts viele unserer Kollegen meinen, dass der Politikbetrieb nur etwas für hartgesottene Profis sei, in dem sich eben einige wenige durchsetzten, die dann auch das Sagen haben sollten. Mitsprache der Parteimitglieder oder gar der Bevölkerung ist nach diesen Spielregeln immer weniger vorgesehen. Auch dagegen hast du dich wortreich und publizistisch gewehrt. Auf den Punkt gebracht hast du deine Gedanken dazu in deinem Buch „Die Politiker" von 2003.

Du hattest eine Maxime, über die wir uns einige Male unterhalten haben und die mehr und mehr auch meine geworden ist. Sie stammt von Albert Einstein und lautet: „die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie geschaffen haben". Diese kluge Einsicht hast du nicht nur verinnerlicht, sondern sie hat dich dazu angeleitet, außergewöhnliche Lösungsansätze anzubieten, quer zu denken. Für uns normal strukturierte Menschen war dies eine enorme Herausforderung, statt konservativ auch mal kreativ, innovativ und manchmal sogar revolutionär an Herausforderungen heranzugehen. Kein Wunder, dass du viele überfordert hast. Kein Wunder, dass du deshalb vielen auf die Füße treten musstest und sie sich gewehrt haben. Es ist aber ein Wunder, dass du diesem Gegenwind standgehalten hast, dass du nach einer Niederlage immer wieder aufgestanden bist. So auch, als du nicht der Präsident der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) geworden bist, auch weil hierzulande Neider dir dieses Amt verwehren wollten. Doch du bist der Vater von IRENA, die nach deiner jahrelangen harten Arbeit ebenso erfolgreich entstanden ist, wie viele anderer deiner Vorhaben, an die zunächst kaum jemand geglaubt hat. Dein Lebenswerk wird durch viele deiner Reden, Taten, Bücher und einen Film gekrönt. Dein letztes Buch (Hermann Scheer, 2010: Der energethische Imperativ - 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu den Erneuerbaren Energien zu realisieren ist) soll dein Vermächtnis sein.

Vermisster Hermann,

du lässt viele traurig zurück und wir fragen uns, wie es ohne dich weitergeht. Du würdest sicher die Aufmerksamkeit genießen, die dir nun widerfährt. Doch du wüsstest auch, wie kurzlebig solche Momente sind, so kurzweilig auch dein bewegtes Leben war. Ich bilde mir ein, dich so weit zu kennen, dass dir weniger an tollen Reden, schicken Kränzen und seriösen Kondulenzschreiben gelegen ist, als mehr daran, dass vor allem deine Ideen weiterverfolgt werden. Dir wäre sicher Recht, deine Popularität dafür zu nutzen.

Damit fange ich gleich an, in dem ich dich nochmals zitiere: „Jeder Einzelne kann Politik auch anders praktizieren: mit eigenen Ideen und Initiativen, mit der Vertiefung in Projekte, mit der Bereitschaft darüber zu streiten, mit geistiger Autonomie, statt Unterwerfung, ohne thematische Selbstbeschränkung. (...) Die viel wichtigere Frage an alle ist: Wie haltet ihr das aus, untäig zu bleiben und die Politik für die Gesellschaft anderen zu überlassen, von denen ihr den Eindruck habt, dass sie nicht das Richtige, das Notwendige tun?" (Hermann Scheer: Die Politiker, S277f) Du siehst also, dass du weiter gebraucht wirst und weiter nerven musst. Du weißt, wir dürfen es uns leider nicht leisten, lange nur still an dich zu denken, ohne weiter zu machen. Jeder nach seinen Möglichkeiten, aber bitte auch einige so hartnäckig, aufmüpfig, wider den verbohrten Spielregeln und dem Ballast der Gewohnheit, wie wir es von dir lernen konnten. Ich jedenfalls werde genau dies versuchen

Du hast mir viel gegeben und du wirst mir sehr fehlen,
mit lieben und solidarischen Grüßen
Marco Bülow

Marco Bülow ist Mitglied des Deutschen Bundestages und Mitglied im Kuratorium des Institut Solidarische Moderne.

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