- Gerd Grözinger
Kriegsdienstverweigerung in heutigen Zeiten
Eine Verteidigung und ein Vorschlag
Im Zuge der „Zeitenwende“ wird viel in die Richtung argumentiert, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft für Staatsbürger*innen, zumindest für die Männer darunter, der Wehrdienst eigentlich die Norm darstellen sollte. Ein prominentes Beispiel dieser Diskursverschiebung hin zu einer positiven Neubewertung des Militärischen war die Äußerung des damaligen grünen Vizekanzlers Robert Habeck, dass er heute wohl nicht mehr verweigern, sondern Kriegsdienst leisten würde, wenn auch noch mit einem „vermutlich“ etwas abgemildert. Das Beispiel machte Schule in einer Partei mit ursprünglich eigentlich starken Wurzeln in der Friedensbewegung. So bekannte Anton Hofreiter, selbst untauglich gemustert, heute würde er „natürlich“ kämpfen. Auch der frühere grüne Außenminister Joschka Fischer tat kund, dass er sich heute freiwillig zur Armee melden würde.
Die neue Positivbesetzung des Kriegsdienstes vor allem durch ältere Männer trifft aber auf eine Jugend, die diesbezüglich eher skeptisch ist. Nach der bisher ausführlichsten Untersuchung dazu lehnen 57 Prozent der – hiervon besonders betroffenen – Altersgruppe der 18- bis 28-Jährigen eine Pflicht zum Kriegsdienst ab.[1] Ein noch stärkeres Zeichen: Die Bereitschaft, selbst Kriegsdienst zu leisten oder Berufssoldat zu werden, liegt bei gerade einmal 14 Prozent. Bei der Frage nach den Gründen der Ablehnung gaben die Studienautor*innen drei Dimensionen vor: Pazifismus („lehne Gewalt ab“), persönliche Risikoaversion („möchte mein Leben nicht für Deutschland riskieren“) und fehlendes Zugehörigkeitsgefühl („fühle mich Deutschland nicht verbunden“). Die Zugehörigkeitsdimension spielte mit nur wenigen Prozentpunkten durchwegs keine Rolle. Hingegen gaben 72 Prozent an, dass sie Gewalt ablehnen und 56 Prozent, dass sie ihr Leben für Deutschland nicht riskieren wollen.
Im Folgenden versuche ich, diese in der quantitativen Studie notwendigerweise weit gefassten Gründe etwas ausführlicher zu unterlegen. Das Ergebnis stellt nur ein lose zusammenhängendes Konstrukt dar und ist damit eher als eine Art Tableau zu sehen, wovon ein oder mehrere Gründe für die mehrheitlich bekundete Ablehnung des Kriegsdienstes relevant sein dürften.
Vorbemerkung: Kriegsdienst sollte stets freiwillig sein
Grundsätzlich wird hier davon ausgegangen, dass in freiheitlichen Gesellschaften die Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen, freiwillig sein sollte. Unsere Gesellschaftsform beruht darauf, dass wir als mündige Staatsbürger*innen unsere Politiker*innen selbstbewusst bestimmen, dass wir als Konsument*innen ebenso souverän agieren wie als „Arbeitskraftunternehmer*innen“ und dass wir für Risiken wie Krankheit, Alter oder Pflege zunehmend persönlich vorsorgen sollen, statt kollektiv gut abgesichert zu bleiben.
Dass diese grundsätzlich unterstellte Mündigkeit auch die Teilnahme am Militär umfassen sollte, findet seine Grundierung schon in der deutschen Aufklärungsphilosophie. In Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ ist die zentrale Aussage dazu, „daß zum Töten oder Getötetwerden in Sold genommen zu sein, einen Gebrauch von Menschen als bloßen Maschinen und Werkzeugen in der Hand eines anderen (des Staats) zu enthalten scheint, der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen läßt.“[2] Kurz und in zeitgenössischer Sprache: Der Staat darf niemanden gegen dessen Willen zum Töten oder Getötetwerden verpflichten.
Direkt dahinter kommt im Text eine Aussage, die das vorher Gesagte im Kern noch einmal verstärkt: „Ganz anders ist es mit der freiwilligen periodisch vorgenommenen Übung der Staatsbürger in Waffen bewandt, sich und ihr Vaterland dadurch gegen Angriffe von außen zu sichern.“ Kant verlangt also nicht, sich niemals militärisch zu wehren. Man darf eine solche bewaffnete Verteidigung selbstverständlich auch üben. Aber zentral ist dabei, dass es freiwillig geschieht.
Das ist auch die Prämisse der folgenden Überlegungen. Weiter wird davon ausgegangen – um Missverständnisse zu vermeiden, man wolle sich nur unzulässige Vorteile bei Einkommen und Karriere verschaffen –, dass Kriegsdienstverweigernde im Fall einer Einberufung einen diskriminierungsfreien Ersatzdienst leisten. Ohnehin ist ja eher in näherer denn in weiterer Zukunft ein Pflichtdienst zu erwarten, sei es für ganze Jahrgänge oder Teile davon.
Sechs Argumente für die Kriegsdienstverweigerung
Erstens: Sterben und Töten
Ein erstes Argument, sich einem Kriegsdienst zu verweigern, ist das im Einsatzfall hohe persönliche Risiko, dabei getötet, verwundet, verstümmelt oder traumatisiert zu werden. Und dass man dabei gezwungen ist, anderen Menschen – „Feinden“ und den oft unvermeidlichen oder aber sogar angestrebten „Kollateralschäden“ ziviler Opfer – dasselbe anzutun. Dass dies gerade in freiheitlichen Gesellschaften vielen Menschen zunehmend schwerfällt, ist dem „Prozess der Zivilisation“ (Norbert Elias) geschuldet. Er lässt die körperliche Gewaltbereitschaft tendenziell sinken. Damit verbunden ist die Steigerung der Wahrscheinlichkeit körperlicher und psychischer Beschädigungen im Kriegsfall. Die Geschichte von den „Kriegszitterern“ des Ersten Weltkriegs bis hin zu den zahlreichen Fällen heute diagnostizierter „Posttraumatischer Belastungsstörungen“ bei Veteran*innen bietet reichlich Belege dafür.
Diese Beobachtung hat Sigmund Freud – dabei durchaus skeptisch, ob man die triebhaften Kräfte der Destruktivität jemals völlig unter Kontrolle bringen könne – in seinem Briefwechsel mit Albert Einstein zu „Warum Krieg?“ so aufgegriffen: „Den psychischen Einstellungen, die uns der Kulturprozeß aufnötigt, widerspricht nun der Krieg in der grellsten Weise, darum müssen wir uns gegen ihn empören, wir vertragen ihn einfach nicht mehr, es ist nicht bloß eine intellektuelle und affektive Ablehnung, es ist bei uns Pazifisten eine konstitutionelle Intoleranz, eine Idiosynkrasie gleichsam in äußerster Vergrößerung. Und zwar scheint es, daß die ästhetischen Erniedrigungen des Krieges nicht viel weniger Anteil an unserer Auflehnung haben als seine Grausamkeiten.“[3]
Natürlich wird dagegen kritisch eingewandt werden: Als Individualentscheidung mag das ja verständlich sein, was aber ist mit den Konsequenzen für die Allgemeinheit, wenn viele so handelten? Dem ließe sich entgegenen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs Russlands auf die NATO ohne vorherige Provokation – denn das ist ja das Szenario, das hinter der „Zeitenwende“ steht – sehr viel unwahrscheinlicher ist, als der vorherrschende Diskurs es vermittelt. Der Überfall auf die Ukraine war ein kalkuliertes Risiko auf ein kleineres, neutrales Land, ein Überfall auf das weit überlegene westliche Bündnis wäre dagegen selbstmörderisch.
Trotzdem wird das eine als Modell für das andere interpretiert. Typisch für diesen Alarmismus sind die breit rezipierten Aussagen des obersten Soldaten Deutschlands, Generalinspekteur Carsten Breuer, der Russland bereits im Jahr 2029 im Angriffsmodus gegen den Westen sieht. Dass sich hier auch ein Lobbyist in eigener Sache äußert, wird dabei kaum thematisiert. Wer die detaillierten Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) zur Kenntnis genommen hat, wird das jedoch für ein nicht sehr glaubhaftes Szenario halten, ist die NATO doch schon jetzt, also vor der angekündigten gewaltigen Aufrüstung – auch in Europa – praktisch in jeder militärischen Dimension, selbst in den einzelnen Unterkategorien, weit überlegen. Sie ist es bei den Mannschaftsstärken, Panzern, Flugzeugen, Marineschiffen etc. Nur bei den Atomsprengköpfen herrscht zwischen den USA und Russland numerische Gleichheit.[4] Eine Kriegsdienstverweigerung mit dieser Begründung sagt also aus: Eure dystopische Einstellung teile ich nicht und widme meine Pflichtdienstzeit lieber gesellschaftlich nützlicheren Tätigkeiten.
Zweitens: Bewaffneter und ziviler Widerstand statt konventionelle Kriegsführung
Ein zweites Argument basiert ebenfalls auf der Abwägung von Wahrscheinlichkeiten. Es spielt das Szenario einer feindlichen Übernahme ohne oder nach nur schwacher konventioneller Abwehr durch. Demnach wäre es besser, die Bevölkerung auf bewaffneten und zivilen Widerstand vorzubereiten. Trotz der zu erwartenden Partisanenkämpfe und darauf reagierenden Vergeltungsmaßnahmen wäre dies mit großer Wahrscheinlichkeit die weniger opferreiche Option als eine konventionelle Kriegsführung. Was die heutige Militärtechnologie in einem klassischen Krieg für die dabei eingesetzten Soldaten bedeutet, hat der Präsident des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, im Oktober letzten Jahres ausgeführt: Die Bundeswehr geht bei einem Krieg mit Russland von täglich 1.000 Getöteten und Schwerverwundeten allein an der Front aus.
Der Vorteil einer „Résistance“ unter vorher zugelassener Besatzung liegt aber nicht nur darin, dass eine asymmetrische Kriegsführung angesichts der Vernichtungskraft heutiger konventioneller Waffen wahrscheinlich opferärmer ist, sondern auch darin, dass die Teilnahme am Widerstand sehr viel besser den vielfältigen Personalitäten von Menschen entspricht. Nicht jeder ist zum Kriegshelden geboren, aber Informationen sammeln, administrative Sabotageakte verüben, Nachschub organisieren, Gesuchte verstecken etc. werden für einen kollektiven Widerstand von hoher Bedeutung sein. Wie überall in modernen Gesellschaften beruht auch der Widerstand auf Arbeitsteilung.
Drittens: Eskalationspotenzial durch Aufrüstung
Drittens markiert die gegenwärtige Aufrüstung den Start eines neuen Rüstungswettlaufs. Selbstverständlich wird das konventionell bereits unterlegene Russland darauf wieder reagieren, um nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten. Der Wettlauf bekommt noch einmal einen Turboschub durch die unsicher gewordene Unterstützung der USA im Angriffsfall, was zu der Forderung führt, dass Europa allein verteidigungsfähig gegenüber Russland werden müsse. Da man in Militärkreisen stets in Worst-Case-Szenarien denkt, bedeutet das aus russischer Sicht, dass es mit einer NATO rechnen muss, deren Teile jeweils so stark wie man selbst werden wollen, zusammen also doppelt mächtig.
Dieses angestrebte „Ungleichgewicht des Schreckens“ impliziert aber eine sehr instabile Situation, in der auch kleine Missverständnisse Eskalationspotential haben, weil sie als Vorbereitung eines „Enthauptungsschlags“ gedeutet werden können. Das von Albert Einstein und anderen Atomphysikern gegründete Bulletin of Concerned Scientists hat deshalb seine berühmte Weltuntergangsuhr für 2026 auf 85 Sekunden vor Mitternacht vorgestellt. Das ist der niedrigste Abstand zu einer möglichen Katastrophe seit ihrer Gründung im Jahr 1947.[5]
Viertens: Geld für Rüstungsausgaben in wichtigere Dinge investieren
Viertens kann Geld nur einmal ausgeben werden. Was in die Aufrüstung geht, wird anderswo eingespart. Diese politische Präferenzverschiebung zeigt sich zum einen darin, dass die staatlichen Aufwendungen für internationale Hilfen nicht nur in Deutschland dramatisch sinken. Nur ein Beispiel von vielen: Im Januar 2026 schlugen das Welternährungsprogramm und das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen Alarm, dass sie mangels Zuwendungen selbst den elementarsten Schutz der Dutzenden Millionen von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen in Afrika, wie Nahrung und Unterbringung, nicht mehr leisten können.[6]
Zum anderen ist zu beobachten, dass der Kampf gegen die Klimaerwärmung politisch zweitrangig geworden ist. Eigentlich benötigte der Versuch, dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens noch so nah wie möglich zu kommen, eines neuen „Kennedy-Moments“ wie damals beim Mondprogramm: „Wir setzen uns das Ziel, nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist.“ Aber die Ressourcen dafür werden nicht bereitgestellt. Sie sind durch die Aufrüstung gebunden. Schon für die Erfüllung des Zwei-Prozent-Ziels der NATO wurde berechnet, dass damit die Klimaadaptionskosten für alle Länder mit geringem bis mittlerem Nationaleinkommen für sieben Jahre hätten finanziert werden können.[7] Und jetzt strebt man allen Ernstes fünf Prozent Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt bis 2035 an.
Die Kriegsdienstverweigerung junger Menschen, welche die schlimmen Folgen der Klimaerhitzung noch viele Jahrzehnte lang ertragen und auch an ihre Nachkommen weitergeben werden müssen, kann auch als ein Protest gegen die maßlose Aufrüstung und das damit verbundene Unterpflügen anderer wichtiger politischer Ziele verstanden werden. Letztlich ist es wieder eine Abwägung von Übeln: von einer zwar eher unwahrscheinlichen Unterdrückung nach Eroberung kann man sich wohl irgendwann befreien, der die ganze Menschheit bedrohende Klimawandel mit Selbstverstärkereffekt ist aber mit Sicherheit irreversibel.
Fünftens: Keine Beteiligung an Angriffskriegen
Ein fünftes Argument betrifft die zur Betonung der eigenen Moralität gerne von den Kriegsdienstbefürworter*innen benutzte Beschreibung der NATO als ein reines Verteidigungsbündnis. Das ist leicht als falsch zu erkennen. Als Gesamtorganisation hat die NATO in der Vergangenheit zum Beispiel einen Krieg gegen Serbien begonnen, ohne den zur völkerrechtlichen Legitimierung nötigen Schritt der Einschaltung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zu gehen. Auch der Krieg gegen das damals und heute wieder herrschende Taliban-Regime in Afghanistan war nicht legitimiert. Und auch am Angriffskrieg gegen den Irak, der nach überwiegender juristischer Meinung ebenfalls völkerrechtswidrig war, haben viele NATO-Mitglieder teilgenommen.
Zudem ist das wichtigste Mitglied des Bündnisses, die USA, unter Präsident Trump zu einem offen imperialen Verhalten zurückgekehrt, das von der Karibik bis zum Nahen Osten seine Vorstellungen ohne Rücksicht auf das Völkerrecht durchzusetzen versucht. Im aktuellen Fall des Kriegs gegen den Iran verweigerten nur wenige NATO-Mitglieder, wie Spanien und Italien, der Trump-Regierung die faktische Unterstützung durch den Entzug der Nutzungserlaubnis der auf ihrem Boden befindlichen amerikanischen Stützpunkte. Deutschland gehörte bekanntlich nicht dazu.
Wer in diesem Kontext den Kriegsdienst verweigert, bringt damit zum Ausdruck: Ich will nicht einer Armee angehören, die in ein Militärbündnis eingebunden ist, aus dem heraus Angriffskriege geführt wurden und das deshalb auch zukünftig als fähig und bereit angesehen werden muss, einen solchen zu führen.
Sechstens: Drohender Atomkrieg
Sechstens ändert die Atombombe noch einmal alle Überlegungen. Im Szenario eines Kriegs zwischen Russland und einem NATO-Land wird in der Öffentlichkeit meist auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine als Blaupause zurückgegriffen. Es geht dann folglich meist um Aufrüstung mit Drohnen, Raketen, Flugzeugen oder Abwehrsysteme. Dabei sollte allen bewusst sein, dass die verlierende Partei – und bei der militärischen Überlegenheit der NATO würde das sehr wahrscheinlich Russland sein – dann ihr gewaltiges Nukleararsenal zum Einsatz bringen wird. Die aktuelle russische Atomdoktrin sieht genau das vor: Bei einer Bedrohung des Kernlandes von Russland und Belarus oder einem massiven Angriff aus der Luft können Atomwaffen eingesetzt werden. Damit käme ein Prozess wechselseitiger Vergeltung in Gang, der schnell in die gegenseitige Vernichtung mit Millionen von Toten allein in Europa und schlimmstenfalls zu einem „nuklearen Winter“ mit Milliarden an Opfern führt.
Auch jenseits eines direkten Kriegs zwischen Russland und der NATO wächst die Kriegsgefahr durch Missverständnisse und Fehleinschätzungen. Schon in der Vergangenheit stand die Welt mehrfach am Rande eines Atomkriegs. So diskutierte die amerikanische Regierung 1962 ernsthaft, die russischen Truppen auf Kuba atomar zu bombardieren. Die US-Geheimdienste meldeten jedoch, dass die in Kuba stationierten und auf amerikanische Metropolen an der Ostküste zielenden Atomraketen noch nicht abschussbereit wären. Nach dem Kalten Krieg stellte sich aber heraus: sie waren es doch gewesen.[8] Und 1983 war es nur der Vernunft des für die Atomabwehr zuständigen russischen Offiziers zu verdanken, dass er mehrfache Falschmeldungen über amerikanische Raketenstarts Richtung Moskau – später durch ungewöhnliche Wolkenformationen erklärt – eigenmächtig als Systemfehler deklarierte, statt vorschriftsgemäß den Kreml zu alarmieren.
Während als Argument für den Kriegsdienst meist angeführt wird, dass man noblerweise seine eigene Gesundheit und sein Leben dafür einsetze, um die Freiheit aller zu verteidigen, können Kriegsdienstverweigernde eine andere Rechnung aufmachen. Sie setzen vielleicht ihre Freiheit bei einer eventuellen Besetzung des eigenen Landes aufs Spiel, sichern damit aber das Überleben der Menschheit.
Zum Schluss: ein Vorschlag
Aus den genannten Gründen sollte der Kriegsdienstverweigerung ein gleichberechtigter Status neben dem Kriegsdienst eingeräumt werden. Dazu ein praktischer Vorschlag. Von vielen Seiten wird es als wünschenswert angesehen, die Beschränkung der Kriegsdienstpflicht auf Männer aufzuheben, um auch hier Gleichberechtigung herzustellen. Dafür braucht die aktuelle schwarz-rote Regierungskoalition aber die Grünen und die Linken, da das Grundgesetz geändert werden müsste. Die beiden Oppositionsparteien könnten eine Abmachung vorschlagen: Man willige ein, dass die Pflicht zum Kriegsdienst auf Frauen ausgedehnt werde und erkenne damit an, dass die gegenwärtige Beschränkung im Grundgesetzartikel 12a geschlechterpolitisch überholt ist. Im Gegenzug müsse aber die Formulierung, dass der Kriegsdienst nur „aus Gewissensgründen“ verweigert werden darf, ersatzlos gestrichen werden.
Die unsäglichen Ausschüsse, die vor der Aussetzung der Kriegsdienstpflicht das „Gewissen“ prüften, würden damit endgültig der Vergangenheit angehören und könnten auch nicht einfach unter einem in Zukunft ja leider denkbaren AfD-Verteidigungsminister wieder eingeführt werden. Dasselbe gilt für Gerichte, die gute politische Gründe, wie den Wunsch nicht an der atomaren Vernichtung der Menschheit mitwirken zu müssen, nicht als Gewissensentscheidung für eine Kriegsdienstverweigerung anerkannten. Jeder Grund, nicht in den Krieg ziehen zu wollen, muss zukünftig als akzeptabel angesehen werden!
Demokratische Regierungen sollten den Anteil an Kriegsdienstverweigernden als Frühindikator sehen. Wenn dieser hoch ist oder steigt, stimmt wohl etwas nicht mit ihrer Politik. Und wenn ein Staat sich schon in einem langwierigen Krieg befindet, weshalb keine Wahlen oder Referenden abgehalten werden (wie etwa gerade in der Ukraine), wie kann eine Regierung dann besser einschätzen, ob weiter gekämpft oder eher ein Frieden gesucht werden sollte, wenn nicht durch die Zahl von Soldat*innen, die noch bereit sind, ihr Leben zu lassen und dabei andere zu töten?
Gerd Grözinger ist emeritierter Professor für Sozial- und Bildungsökonomik an der Europa-Universität Flensburg und langjähriges Mitglied des ISM.
[1] Jörg Dollmann u.a., Rückkehr zur Wehrpflicht?[1], DeZIM Data.insights #19 | 25, Berlin 2025
[2] Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Königsberg 1795
[3] Sigmund Freud, Warum Krieg?, Gesammelte Werke Bd. XVI, S. 11 - 27, Frankfurt/M. 1950
[4] SIPRI Yearbook, Stockholm, diverse Jahrgänge. Einen schnellen Überblick erlaubt diese Tabelle[2].
[5] https://thebulletin.org/doomsday-clock/2026-statement/[3]
[6] https://de.wfp.org/pressemitteilungen/wfp-und-unhcr-schlagen-alarm-finanzierungsloch-zwingt-zu-drastischen-kuerzungen[4]
[7] https://www.tni.org/en/publication/climate-crossfire[5]
[8] Olaf L. Müller, Atomkrieg. Eine Warnung, Ditzingen 2025
Links:
- https://www.dezim-institut.de/fileadmin/user_upload/fis/publikation_pdf/FA-6463.pdf
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/379080/umfrage/vergleich-des-militaers-der-nato-und-russlands/
- https://thebulletin.org/doomsday-clock/2026-statement/
- https://de.wfp.org/pressemitteilungen/wfp-und-unhcr-schlagen-alarm-finanzierungsloch-zwingt-zu-drastischen-kuerzungen
- https://www.tni.org/en/publication/climate-crossfire