- Klaus Dörre
Der Souverän arbeitet! Demokratie beginnt unten
- Irfan Hakim | unsplash
Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag, den der Soziologe Klaus Dörre am 23. Januar 2026 im Bürgersaal Kassel anlässlich des Jahresauftaktes des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hielt.
Es liegt nun bereits Jahre zurück, dass ich schon einmal bei einem Jahresauftakt des DGB in Kassel das Wort ergreifen durfte. Hätte mir damals jemand prophezeit, dass wir im 21. Jahrhundert mit der Gefahr eines neuen Faschismus konfrontiert werden, dass „Kriegstüchtigkeit“ zum Vokabular amtierender Minister gehört und Nachhaltigkeitsziele Gefahr laufen, einem ökologischen und sozialen Backlash geopfert zu werden, so hätte ich das nicht geglaubt. Heute müssen wir feststellen: Die Institutionen liberaler Demokratien wie die Meinungsfreiheit, das Koalitionsrecht, Gewaltenteilung und freie Wahlen sind weltweit unter Druck geraten. Die Würde des Menschen ist wieder antastbar, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht werden – schauen wir etwa auf den Krieg gegen die Ukraine, auf Israel, Gaza und den Nahen Osten, auf den Sudan, Venezuela und den Iran – nicht nur mit Füßen getreten, sondern schlicht für überflüssig erklärt. Dass ein amtierender US-Präsident selbst verbündeten NATO-Staaten unverhohlen mit Landnahme droht und der vorläufige Verzicht auf militärische Gewalt bei der beabsichtigten Annexion Grönlands bereits zu Aufatmen bei den europäischen politischen Eliten führt, steht symbolisch für einen Epochenbruch, für den Zerfall einer Weltordnung und einen Kampf um die Neuaufteilung der Welt, wie wir ihn aus den Zeiten des Hochimperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennen.
Das globale Szenario mit all seinen Unsicherheiten vor Augen, scheint es geradezu verwegen, nach Chancen für eine Erneuerung der Demokratie von unten, in den Städten und Kommunen, in Betrieben und Büros zu fragen. Doch genau dies möchte ich heute begründen. Wenn sich die „Zwangsehe von Kapitalismus und Demokratie“ (Wolfgang Streeck, ein eher konservativer Sozialdemokrat) aufzulösen beginnt, genügt es nicht, demokratische Institutionen und Verfahren nur zu verteidigen. Es kommt darauf an, der Demokratie ein neues Fundament zu geben. Das geht gegenwärtig, so meine These, am besten dort, wo Demokratie im Alltag gelebt wird – in der betrieblichen Arbeitswelt und auf der kommunalen Ebene. (…)
Ich möchte diese Behauptung anhand von drei eher analytischen Überlegungen und einigen Anregungen begründen. (…)
Der Befund sagt: „Der Souverän arbeitet!“
Dass das Wahlvolk mehrheitlich direkt oder indirekt auf abhängige Erwerbstätigkeit angewiesen ist, mag vielen Anwesenden als selbstverständlich erscheinen. Doch was offensichtlich ist, wird in öffentlichen Debatten häufig völlig ausgeblendet. Daran haben, das gestehe ich ein, die Sozialwissenschaften durchaus einen Anteil. Selten haben sie so falsch gelegen wie mit der Prognose, der Arbeitsgesellschaft gehe die Arbeit aus. Umso bemerkenswerter ist die Selbstkorrektur Kritischer Theorie, die der Philosoph Axel Honneth vornimmt. In seinem Buch „Der arbeitende Souverän“ stellt er klar, dass die Qualität der Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse darüber entscheidet, ob Menschen überhaupt in der Lage sind, sich als Citoyens, als Bürgerinnen und Bürger aktiv an demokratischen Prozessen und Verfahren zu beteiligen. Honneth nennt fünf Dimensionen, denen Arbeitsverhältnisse entsprechen müssen, wenn sie demokratieförderlich wirken sollen. Arbeit muss (1) mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit, (2) mit arbeitszeitlichen Freiräumen, (3) mit Selbstachtung und Selbstwertgefühl, (4) mit praktischen Erfahrungen zum demokratischen Zusammenwirken sowie (5) intellektuell anregenden und herausfordernden Tätigkeiten verbunden sein. Nur wenn das zumindest annähernd der Fall ist, fördert Erwerbsarbeit die Demokratie.
Das ist ein normativer Anspruch, der in der Gegenwart jedoch nur selten eingelöst wird. Über die Qualität von Arbeit und Beschäftigung entscheiden eben nicht allein die Beschäftigten, die Kapitalseite, Arbeitgeber, Geschäftsführungen und Top-Management geben in der Regel den Takt vor, nach dem die Belegschaften zu tanzen haben. Es braucht eine starke betriebliche und Unternehmensmitbestimmung sowie eine ausgebaute Tarifdemokratie mit starken Betriebsräten und Gewerkschaften, um dafür zu sorgen, dass Arbeitsverhältnisse sich zumindest ansatzweise dem demokratieförderlichen Ideal annähern. (…)
Zeitenwende in den Arbeitsbeziehungen
Aktuelle Debatten um Arbeitszeitverlängerung, 48-Stundenwoche, Lifestyle-Teilzeit, Erhöhung des Renteneintrittsalters etc., die von Arbeitgeberseite und Teilen der politischen Klasse inszeniert werden, wirken demokratiegefährdend. Sie blendet völlig aus, dass wir es in industrieller Produktion, aber gerade auch vielen Dienstleistungsbereichen mit einer enormen Verdichtung des Arbeitstages zu tun haben. Immer weniger Beschäftigte müssen – etwa in Kliniken, Kitas oder auch im Einzelhandel – immer größere Arbeitsumfänge bewältigen. Das macht krank – körperlich wie psychisch. Zugleich haben wir es mit enorm polarisierten Arbeitszeiten zu tun. Während Beschäftigte mit Spezialwissen häufig und allzu oft ohne adäquate Gegenleistung zu viel arbeiten, würden andere, die in erzwungener Teilzeit oder mit Minijobs ihr Geld verdienen, gerne mehr arbeiten. (…)
In der Gegenwart erleben wir eine Zeitenwende in den Arbeitsbeziehungen. Dem Tarifkonflikt bei VW im letzten Jahr kommt dabei eine symbolische Bedeutung zu. Dass starke Betriebsräte und IG Metall einen Tarifkompromiss akzeptieren müssen, der von Teilen der Belegschaft als Niederlage empfunden wird, sagt etwas über einen neuen Geist in den organisierten Arbeitsbeziehungen aus, wie er nicht nur bei Volkswagen zu beobachten ist. Das Krisenmanagement in einem Konzern, der wie kein anderer beispielhaft für einen Sozialkapitalismus stand, dessen Akteure wirtschaftlichen Erfolg mit weitreichender Mitbestimmung und Sicherheitsgarantien für die Beschäftigten zu kombinieren wussten, stellt eine arbeitspolitische Zäsur dar. Die alte Formel, der zufolge sozialer Friede als wirtschaftliche Produktivkraft wirkt, ist selbst an der Spitze des Volkswagenkonzerns außer Kraft gesetzt. Wenn Arbeitsbedingungen, Interessen, Lebensentwürfe und mit ihnen das soziale Eigentum abhängig Beschäftigter – sprich: tarifliche Normen, Mitbestimmung, soziale Sicherungssysteme sowie das Arbeits- und Streikrecht – nur noch als Kostentreiber betrachtet werden, empfinden abhängig Beschäftigte das als „Ehrverlust“. (…)
Wie ließe sich daran etwas ändern?
Um das zu ändern, wäre eine alte soziologische Erkenntnis mit neuem Leben zu füllen. Sie lautet: Streit verbindet, er ist das Lebenselixier der Demokratie. Das gilt auch und gerade für die betriebliche Arbeitswelt und die Kommunen. Wenn der neue Gesamtmetall-Präsident Dr. Udo Dinglreiter erklärt „Klassenkampf fällt völlig aus der Zeit“, es müsse ein anderes Leitbild gelten, und zwar „Wir sind ein Team, lasst uns zusammenarbeiten – dann erreichen wir am meisten“, so blendet das aus, was in der Arbeitswelt bereits vielfach üblich ist: Der Klassenkampf wird heute bevorzugt von oben geführt. Ich nenne ein Beispiel aus unserer Untersuchung, die wir gegenwärtig im Automobilcluster Südwestsachsen durchführen. Auch dort gibt es Betriebe, die – wie etwa bei einem Zulieferer im Familienbesitz – auf Teamgeist setzen. Führungskräfte und Beschäftigte duzen sich, doch in der Geschäftspolitik gilt, was ein befragter Betriebsratsvorsitzender unmissverständlich so ausdrückt: „Der Profit ist das oberste Unternehmensziel und dafür wird halt gearbeitet, bis die Schwarte kracht am Ende. Die Erfahrung haben hier alle“.
Dies macht deutlich, wie wichtig Betriebs- und Personalratswahlen sind. Betriebliche Interessenvertretungen sind eine Minimalvoraussetzung, um die entscheidungsverschlossene Arbeitswelt zumindest ansatzweise zu demokratisieren. Wo es engagierte Betriebsräte:innen und Gewerkschafter:innen gibt, trifft die extreme Rechte auf Gegenwind. Es sind authentische Persönlichkeiten, die häufig im persönlichen Gespräch auf Augenhöhe erfolgreich sind, wenn es darum geht, Kolleginnen und Kollegen davon abzuhalten, die AfD als Denkzettel-Partei zu benutzen.
Mitbestimmung macht innovativ
Dafür steht zum Beispiel das VW-Werk in Baunatal. Der sogenannte Kasseler Weg, der Betriebsräte und Belegschaft an strategischen Entscheidungen beteiligt, ermöglichte, dass man im Werk bereits zu einem Zeitpunkt auf E-Antriebe und E-Mobilität setzte, als davon im Konzern noch keine Rede war. Das ist der Grund, weshalb dieses Komponentenwerk heute vergleichsweise gut dasteht und für den Konzern eine Leitfunktion in Sachen Antriebswende hat. Umgekehrt gilt vielfach: Schwache Mitbestimmung und bröckelnde Tarifdemokratie machen Unternehmen innovationsfaul, denn Tarifverträge können nicht mehr als Innovationspeitsche wirken. Dies ist das eigentliche Hauptproblem des deutschen und europäischen Industriemodells: Der Innovationsvorsprung ist verloren gegangen; deshalb werden wieder einmal die Beschäftigten für Schwierigkeiten verantwortlich gemacht, die eigentlich Wirtschafts- und Politikeliten zu verantworten haben.
Tatsächlich gehen gegenwärtig täglich tausende von Industriearbeitsplätzen verloren. Hier drängt sich eine – wie ich meine – Scheinalternative auf, die mit dem Stichwort Aufrüstung verbunden ist. In Sachen Aufrüstung scheint gegenwärtig alles möglich, was für die zivile Marktwirtschaft nicht gelten soll – großzügige Finanzierung um den Preis eines wachsenden Staatsdefizits, langfristige Planung, staatliche Abnahmegarantien und eine bewusste Monopolisierung, die Marktmechanismen verzerrt.
(…) Abgesehen von massenhaftem Tod und dem Leiden der Zivilbevölkerung in militärischen Konflikten sind die Auswirkungen von Aufrüstung auch dann ökologisch verheerend, wenn es nicht zu einer direkten Waffenanwendung kommt. Schätzungen zufolge liegt der CO2-Fußabdruck des gesamten deutschen Militärsektors bei 4,5 Millionen Tonnen Treibhausgasen pro Jahr. Das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von einer Million Autos. Allein der F-35-Kampfjet emittiert pro Stunde mehr CO2, als ein Durchschnittsdeutscher in einem Jahr verursacht. Werden solche Emissionsquellen nicht ausgeschaltet, gleichen klimapolitische Maßnahmen einem Kampf gegen Windmühlen. Wie einschlägige Forschungen zeigen, lassen sich die Wohlfahrtsverluste infolge des Klimawandels, die mehr als 50 Prozent des BIP betragen könnten, mit denen eines dauerhaften Krieges vergleichen – eines Krieges, dessen Folgen allerdings Ewigkeitscharakter hätten. Das zeigt: Auch staatlich zu verantwortende Fehlallokationen können zukunftszerstörend sein – ein geradezu existenzieller Grund mehr, nicht in Anpassung an das vermeintlich Unabweisbare zu erstarren. (…)
Die Finanzierungsfrage
Woher jedoch soll das Geld kommen, um anstelle von Aufrüstung Grundbedürfnisse, costs of living, abzusichern und gleichzeitig Klima- und ökologische Nachhaltigkeitsziele zu erreichen? Ohne Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums wird es nicht gehen. Geld für Investitionen in den sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft ist reichlich vorhanden. Wie die NGO Oxfam dokumentiert hat, ist das Vermögen der Milliardär:innen allein 2025 um 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen. Pro Sekunde häuft ein Milliardär durchschnittlich 80.700 US-Dollar an. Der Vermögensanstieg entspricht dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Auch in der Bundesrepublik ist die Zahl der Milliardär:innen auf mutmaßlich 172 angestiegen; sie angemessen zu besteuern, wäre ein Gebot ökologischer Vernunft, denn je größer die Vermögen, desto voluminöser auch der Klima- und ökologische Fußabdruck.
Konzepte für „Tax the Rich“ liegen längst auf dem Tisch: Eine Reichensteuer, wie sie der bekannte Ökonom Gabriel Zucman vorgeschlagen hat, oder auch eine reformierte Erbschaftsteuer nach dem Modell des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Nichts davon müsste der Wirtschaft schaden. Im Gegenteil, es würden Voraussetzungen geschaffen, um Kommunen Investitionen in die soziale Infrastruktur und den sozial-ökologischen Umbau zu ermöglichen. Ob solche Konzepte zu praktischer Politik werden, kann nicht allein in Kommunal- und Betriebsratswahlen entschieden werden. Dergleichen zum öffentlichen Thema zu machen, Begriffe im vorpolitischen Raum zu setzen, ist jedoch etwas, das unbedingt zu leisten ist. (…)
Was verbindet?
In einer politisch tief gespaltenen Gesellschaft gibt es tatsächlich etwas, das verbindet. Gleich ob links oder rechts, so der überraschende Befund in unseren empirischen Forschungen, alle lieben ihre Heimat. (…) Ich gebe zu: Wenn man bei uns zum Ende von Familienfeiern „Mein Waldeck lebe hoch!“ anstimmte, überkam mich früher ein Frösteln. Heute sehe ich das etwas anders. Hinter der Heimatliebe verbirgt sich die Sehnsucht nach authentischen, nicht entfremdeten Sozialbeziehungen. Deshalb sollten wir den Heimatbegriff nicht der radikalen Rechten überlassen, sondern bedenken, was Kurt Tucholsky schon in den Jahren der Weimarer Republik formulierte:
„Ja, wir lieben dieses Land. Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ´national´ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben […] Die reißen den Mund auf und rufen: ´Im Namen Deutschlands … !´ Sie rufen: ´Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.´ Es ist nicht wahr. Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es“, schrieb schon Kurt Tucholsky. Mit Ernst Bloch lässt sich hinzufügen:
„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“
Ernst Bloch hat recht. Heimat ist ein Sehnsuchtsort, den es noch nicht gibt. Wir können aber daran arbeiten, ihm näher zu kommen. (…)